Notwehr statt Selbstverteidigung!

Ein Selbstverteidiger handelt dem Wortsinn nach aus Eigennutz. Mit der Wahrnehmung der eigenen Interessen kann man auch einen Anwalt bzw. einen Leibwächter beauftragen, der dann gewissermaßen ein Fremdverteidiger ist. Beschäftigen sich mit Selbstverteidigung also nur Pfennigfuchser, die noch nicht in der arbeitsteiligen Gesellschaft angekommen sind? Ist Eigennutz nicht immer anrüchig, egal ob er durch Verteidigung gesichert oder durch einen Angriff erzielt wird? Stellt sich derjenige, der einen Straßenräuber niederschlägt, nicht auf dieselbe Stufe mit dem gewaltbereiten Räuber? In jedem Fall steht die körperliche Unversehrtheit gegen gegen den Inhalt des Geldbeutels – vielleicht 50€.

Aber diese 50€ sind im einen Fall rechtmäßiger Besitz und im anderen Fall Beute. In Notwehr verteidigt der Besitzer nicht seine 50€ sondern die Rechtsordnung. Das Risiko, welches er bei der Verteidigung eingeht, wiegt nämlich oft den Geldbetrag gar nicht auf. Nothilfe ist ein Spezialfall der Notwehr. Beim Nothelfer ist die Verteidigung der Rechtsordnung nicht mehr mit Eigennutz vermengt. Man stelle sich einen Neger vor, der einem Skinhead zu Hilfe eilt, den gerade ein Antifaschist zusammenschlägt. Natürlich lassen sich Nächsten- und Feindesliebe ebensowenig verordnen wie andere Gefühle auch. Man kann aber an die Vernunft appellieren und an die Bürgerpflicht, die Rechtsordnung zu verteidigen. Eine Zeugenaussage kann genauso gefährlich sein wie eine Notwehrhandlung. Warum die Polizei einerseits um Zeugen bittet, andererseits aber von Notwehr abrät, ist daher nicht nachvollziehbar.

Nach einer Moral, die Handlungen nach ihrem Gesamtnutzen oder -schaden beurteilt, dürfte man den Straßenräuber nicht niederschlagen, wenn dadurch voraussichtlich Behandlungskosten von mehr als 50€ entstehen. Andererseits weiß man nicht, ob der Täter sich nicht zu weiteren Taten entschließt, wenn er merkt, das er Erfolg hat. Eine solche Moral scheitert also oft schon daran, dass die Folgen ungewiss sind. Sie ist aber auch menschenverachtend: Jeder Kriegsverbrecher könnte sich darauf berufen, dass sicher ein anderer an seine Stelle getreten wäre, hätte er den mörderischen Befehl verweigert. Umgekehrt könnte man jemand, der in bester Absichten seine Sklaven in die Freiheit entlässt, vorwerfen, dass er sie damit ins Unglück stürze, weil sie keine Eigenverantwortung gewohnt seien. In dieser Moral ist alles nur Verhandlungsmasse: Aus Sorge um das Allgemeinwohl verbiegt sie im Zweifel Wahrheit und Recht.

Eine Notwehrhandlung ist von sich aus richtig und wird es nicht erst durch ihre Folgen, genauso wie es richtig ist, als Zeuge vor Gericht die Wahrheit zu sagen. Ist Notwehr aber nicht vielleicht trotzdem veraltet? Muss der Staat sie nicht so weit wie möglich zurückdrängen als lästiges Überbleibsel aus dem Kampf aller gegen aller? Nein, Notwehr arbeitet im Gegenteil auf die Rechtsordnung hin:
Der Philosoph Hobbes nimmt in seinem Urzustand an, dass der Mensch des Menschen Wolf ist. Er kann zwar zeigen, dass es vernünftig wäre, dass die Menschen Verträge eingehen und einen Staat gründen, aber nicht erklären, warum dies geschieht. Wie sollen Verträge aus dem rechtlosen Zustand hinausführen, wenn zu diesem rechtlosen Zustand auch der Bruch von Verträgen gehört?
Kant nimmt dagegen an, dass der Mensch sich nach der Vernunft richten kann. Jeder kann sich herrenlose Güter aneignen, ohne dadurch mit anderen in Konflikt zu geraten. Die Freiheit, sich fremde Güter anzueignen, muss aber beschränkt sein. Aus dieser Einsicht heraus verteidigen rechtschaffene Bürger ihr Eigentum, auch wenn sie den Verlust leichter ausgleichen könnten, indem sie sich fremdes Eigentum aneignen. Diese vorstaatliche Ordnung ist natürlich noch völlig unzulänglich, weshalb die Bürger weitere Institutionen wie Grenzsteine, Grundbücher usw. schaffen.

Die entstehende Rechtsordnung bringt die Freiheit aller Bürger unter einen Hut. Rechtsbrecher treten diese Freiheit mit Füßen und handeln meist aus Eigennutz. Wer sich dem in den Weg stellt – also in Notwehr handelt, fällt damit selbstverständlich nicht ins Faustrecht zurück. Er bekämpft im Gegenteil derlei gesetzlose Freiheit und verschafft der Rechtsordnung Geltung. Das schneidige Notwehrrecht ist somit Grundlage des Rechtsstaats. Eine freiheitliche Rechtsordnung wird von den Bürgern getragen. Unrechtsregime brauchen dagegen einen Polizeistaat mit staatlichem Waffenmonopol und Spitzelwesen.

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