Höhere Strafuntergrenze für Sex mit Kindern?

Ein Junge läuft mit verbundenen Augen und ausgestreckten Armen

Leider fordern auch führende FDP-Politiker ins Blaue hinein eine höhere Strafuntergrenze für Sex mit Kindern – oder sollt man eher sagen: ins Populistische hinein? Hieß es es nicht bei der letzten Verschärfungsrunde, dass eine angedachte Hochstufung von Missbrauch zum Verbrechen kaum mit der Verfassung in Einklang zu bringen sei?

Man müsste doch erst einmal ergebnisoffen erforschen, was beim angeblichen oder tatsächlichen Missbrauch Sache ist! Die vorhandene Forschung bringt schon einiges Licht ins Dunkelfeld und spricht – wie wir gleich sehen werden – sogar eher gegen die schon vorhandene Mindeststrafe für den Beischlaf mit Kindern (StGB §176a (2) Abs. 1). Was immer man an den folgenden Studien aussetzen mag, sollte man erst bessere Untersuchungen finanzieren, bevor man auf einer Populismuswelle mitschwimmt und Menschen Strafen androht, die sich nicht rational rechtfertigen lassen.

Warum stellt man nicht die AfD und Teile der Union mit ihrer Forderung nach einer Strafmündigkeit ab zwölf Jahren? Wie passt das mit dem Schutzalter von 14 Jahren zusammen? Müssen demnächst Kinder wegen Beihilfe zu ihrem eigenen Missbrauch in den Knast? Zu dumm für Sex, aber schlau genug für die Einsicht in das Unrecht von Sexualstraftaten? Nestflüchter zurück ins kaputte Zuhause, weil Freundschaften außerhalb der Familie sexuell gefärbt sein könnten? Ist die Ausweiskontrolle vor dem Urlaubsflirt die Lehre, die wir aus dem Fall Marco Weiss ziehen?

Deutscher Forschungsstand zum subjektiven Erleben der Kinder

Prof. Peter Fiedler (2004) schreibt (S. 290):

Da die meisten pädophilen Menschen ihrem sexuellen Drang selten rücksichtslos und in vielen Fällen liebevoll und sanft nachgehen, müssen sich die betroffenen Kinder nicht immer belästigt fühlen; sie können einvernehmliche und aktive Beteiligte sein.

Wie sehen die Prävalenzraten aus? Nur eine einzige Studie aus Deutschland hat vor Oelschläger (2020) zaghaft (soll heißen: nur in bestimmten Fällen) nach dem subjektiven Erleben der Kinder gefragt („nicht gewollt / nicht verstanden“) – nämlich Wetzels (1997). Bei der „Wiederholung“ dieser Studie (Stadler et al., 2012) hat man die Frage auch noch weggelassen (siehe S. 22f, Quellenangaben dort.) Was für ein sonderbarer Forschungsbereich! „In den achtziger Jahren bot sich angesichts der AIDS-Epidemie die einmalige Gelegenheit, in der Bundesrepublik Deutschland die erste wissenschaftlich seriöse, umfassende Sexualumfrage durchzuführen. Das Bundesministerium für Gesundheit machte dafür mehrere Millionen D-Mark verfügbar“, erinnert sich Erwin J. Haeberle. Verrückterweise scheiterte dies an der Ablehnung der führenden, deutschen Sexualwissenschaftler.

Oelschlägers Rohdaten ließen sich in ähnlicher Weise auswerten wie die Kinsey-Daten weiter unten. Ihre Auswertung fasst zu grob zusammen und bildet keine zweckmäßigen Vergleichsgruppen, so dass sie nicht zur Politikberatung in Sachen §176/176a taugt. (Beispielsweise erfasst sie als „Sexuelle Grenzverletzung nach exklusivem Alterskriterium“ alle angenehmen und neutralen sexuellen Erfahrungen mit fünf Jahre älteren Personen vor dem 16. Lebensjahr.) Ob die sexuelle Handlung „gegen den Willen“ des Kindes erfolgt, fragt sie vorsichtshalber gar nicht ab (S. 117). Echter Forschergeist sieht anders aus. Man muss ja die Antworten hinterher nicht naiv interpretieren.

[Dieser Abschnitt wurde nachträglich eingefügt am 2020-11-04]

Empirische Überlegungen von Welter und Rind zur sexuellen Selbstbestimmung

Welter und Rind (2016) verweisen darauf, dass die Altersgrenzen bei der großen Strafrechtsreform in den 1970er-Jahren ohne empirische Grundlage festgelegt wurden. Rechtfertigende Forschung von fragwürdiger Qualität folgte erst im Anschluss (S. 209):

Forscher und Theoretiker im Mainstream der Opferforschung vertreten … meist den Standpunkt, dass … Kinder unter keinen Umständen zur sexuellen Selbstbestimmung fähig seien (…). Die völlig kongruente Haltung, die diese Forscher gegenüber der Rechtssprechung einnehmen, macht sie aus wissenschaftlicher Perspektive suspekt. Statt eine eigenständige Position einzunehmen, wiederholen sie nur die juristischen Konklusionen. Zur Begründung ihrer Sichtweise haben sie generell nur vereinzelt und eher selektiv empirische Daten angeführt – diese stammen meist aus klinischen oder forensischen Stichproben, welche problematische Fälle überrepräsentieren. […] Den wissenschaftlichen und methodologischen Schwächen zum Trotz haben die Thesen der Viktimologen in der Politik Gehör gefunden und konnten so ein verzerrtes Bild kindlicher und jugendlicher Sexualität zeichnen.

Nun zu den Daten, auf welche Welter und Rind ihr eigenes Urteil stützen. In einer großangelegten und für die USA repräsentativen Stichprobe interviewten Martinez, Copen und Abma (2011) 22.000 männliche und weibliche Teilnehmer zwischen 15 und 44 Jahren unter anderem zu ihrem ersten heterosexuellen Koitus vor dem Alter von 20 Jahren. Die folgende Tabelle (zitiert nach Welter und Rind, S. 211, Tabelle 1) schlüsselt die Angaben der Teilnehmer im Alter zwischen 18 und 24 Jahren mit einer solchen Erfahrung auf.

Wie sehr war der erste Koitus, den sie vor dem Alter von 20 Jahren hatten, von den Teilnehmern gewollt?
Eigenschaften N Wirklich nicht gewollt Gemischte Gefühle Wirklich gewollt
Weiblich
Alter beim ersten Koitus
14 Jahre oder jünger 1922 18% 52% 30%
15-17 Jahre 6280 9% 50% 40%
18-19 Jahre 2583 9% 40% 52%
Alter des männlichen Partners
Gleiches Alter 2281 11% 45% 44%
3 oder mehr Jahre älter 3225 17% 50% 33%
Männlich
Alter beim ersten Koitus
14 Jahre oder jünger 2453 9% 34% 57%
15-17 Jahre 5660 4% 31% 66%
18-19 Jahre 2338 4% 35% 61%
Alter des weiblichen Partners
Gleiches Alter 4513 5% 35% 60%
Älter 1962 5% 30% 65%

Welter und Rind interpretieren dies wie folgt (S. 211):

Diese Ergebnisse deuten auf eine nahezu gleich stark ausgeprägte Fähigkeit zur sexuellen Selbstbestimmung bei jüngeren und älteren Jugendlichen männlichen Geschlechts und eine etwa gleich stark ausgeprägte Willensfähigkeit bei weiblichen Jugendlichen. Sie verweisen insbesondere auf eine größere Fähigkeit zur sexuellen Selbstbestimmung bei Jugendlichen unter 15 Jahren als im Allgemeinen anerkannt.

Für ihre eigene Untersuchung werteten die Autoren die Daten des „Original-Samples“ von Alfred Kinsey bezüglich der Reaktion auf den ersten Koitus nach Eintritt in die Pubertät gemäß der Schutzaltersstufen in Deutschland neu aus. Dabei unterschieden sie zwischen gleichaltrigen Sexualpartnern mit einem Altersunterschied von weniger als fünf Jahren und solchen, die erwachsen waren.

„Sehr genossen“ haben die Teilnehmer ihren ersten Koitus mit den jeweiligen Partnern gemäß folgender Tabelle (nach Tabelle 2, S. 213):

Sehr genossen Männliche Weibliche
Minderjähriger / Altersgenosse 60% 12%
≤13 / Erwachsener 70% 14%
14-15 / Erwachsener 49% 15%
16-17 / Erwachsener 34% 13%
Erwachsener / Erwachsener 40% 18%
Gesamt 46% (N=4060) 17% (N=3636)

Dagegen empfanden die Teilnehmer ihren ersten Koitus wie folgt negativ (nach Tabelle 3, S. 214):

Emotional negativ Männliche Weibliche
Minderjähriger / Altersgenosse 13% 20%
≤13 / Erwachsener 16% 17%
14-15 / Erwachsener 24% 13%
16-17 / Erwachsener 21% 20%
Erwachsener / Erwachsener 13% 17%
Gesamt 14% (N=4066) 18% (N=3657)

Die Autoren schließen anhand einer Untersuchung von Constantine (1981) aus der positiven Reaktion der Teilnehmer darauf, dass der Koitus mit deren Wollen und (proximativen) Wissen erfolgte, und umgekehrt aus der negativen Reaktion, auf ein Fehlen einer dieser beiden Punkte. In den Reaktionen sehen sie daher eine empirische Annäherung an das, was der Gesetzgeber als sexuelle Selbstbestimmung schützen will. Sie ziehen den Schluss, dass die Kinsey-Daten zum ersten Koitus (sowie des ersten männlichen, homosexuellen Kontakts), die Annahme nicht stützen, bei der sexuellen Selbstbestimmung handle es sich um eine „wesentlich altersabhängige Eigenschaft“. Ihre Einschätzung lautet (S. 215):

Letztlich scheint es weniger eine Frage des Alters der Personen zu sein, ob ein sexueller Kontakt als schön oder schmerzlich empfunden wird, sondern eine Frage des Wissens und Wollens – Dinge die sich nicht von alleine beim Erreichen eines gewissen Alters einstellen […], sondern performativ, wie man auch sonst viele andere Fertigkeiten, wie Fahrradfahren, Tangotanzen und eine Fremdsprache erlernt.

Befragungen Jugendlicher an Schulen

Sexuelle Erfahrungen mit mehr als fünf Jahre älteren Personen bewerten die Betroffenen oft nicht als sexuellen Missbrauch: In einer Zufallsstichprobe von dänischen Schülern (Helweg-Larsen 2006) taten dies nur 40 % (einschließlich der Angabe „vielleicht“) und in einer ähnlichen Studie unter norwegischen Schülern (Lahtinen et al. 2018) nur 16 % (33 % waren sich unsicher, 51 % verneinten ausdrücklich). (Nach Oelschläger (S. 18) wohl wieder so eine Frage, die man lieber erst gar nicht stellt!?)

Unter den norwegischen Schülerinnen bewerteten 26 % ihr Erlebnis positiv und 46 % negativ. Dagegen war die Bewertung der männlichen Mitschüler überwiegend positiv (71 % zu 9 %). In 13 % der Fälle berichten die Schüler von Gewaltanwendung und in 20 % der Fälle von Einschüchterung und Erpressung. Bei 6 % der Fälle handelte es sich um Inzest.

Wegen des höheren Schutzalters in Dänemark und Norwegen (15 bzw. 16 Jahre) wurde bei den Studien teilweise auch der Missbrauch von Jugendlichen erfasst. (In der norwegischen Studie waren die Betroffenen zum Tatzeitpunkt im Median 14 Jahre alt.)

Nachtrag vom 2020-11-04: Welter und Rinds Neuauswertung der Kinsey-Daten ragt laut Felson et. al. (2019) aus der bisherigen Literatur heraus, weil sie als einzige untersucht hat, wie sich Geschlecht und Alter auf das subjektive Erleben auswirken. (Zitat: „Only one study has examined gender differences in the effect of age difference on subjective reactions (Rind and Welter 2014).“) Außerdem wundern sie sich darüber, dass in der Literatur das sexuelle Erleben unter Gleichaltrigen nicht mit dem Missbrauchsgeschehen verglichen wird:

The literature on peer sexual encounters is far more extensive than the literature on abuse and features far more studies based on multivariate analyses of data from large samples. However, we are not aware of a single prior study that has compared reactions to child sexual abuse to reactions to peer sexual encounters. It is surprising that peer experiences have been studied separately from child sexual abuse given that both literatures are concerned with sexual behavior involving youth.

Was für ein sonderbarer Forschungsbereich!

Literatur

  • Judith Oelschläger, Sexuell grenzverletzende Erfahrungen in der Kindheit und Jugend, Dissertation, Universität Regensburg 2020
  • Peter Fiedler Sexuelle Orientierung und sexuelle Abweichung – Heterosexualität - Homosexualität - Transgenderismus und Paraphilien - sexueller Missbrauch - sexuelle Gewalt, Beltz PVU 2004
  • Bruce Rind und Max Welter (2014). Enjoyment and emotionally negative reactions in minor–adult versus minor–peer and adult–adult first postpubescent coitus: a secondary analysis of the Kinsey data. Archives of Sexual Behavior, 43, 285–297. (gemäß Felson et. al. 2019)
  • Max Welter und Bruce Rind Das gesellschaftliche Konstrukt der sexuellen Selbstbestimmung im deutschen Recht – empirische Überlegungen In: Sexualität und Strafe, 11. Beiheft zum Kriminologischen Journal, Hrsg. Klimke/Lautmann, ISBN 978-3-7799-3511-7, 2016 Beltz Verlag, S. 207–222
    • Reactions to First Postpubertal Coitus and First Male Postpubertal Same-Sex Experience in the Kinsey Sample: Examining Assumptions in German Law Concerning Sexual Self-Determination and Age Cutoffs, International Journal of Sexual Health, Volume 28, Issue 2, 2016, doi:10.1080/19317611.2016.1150379
  • Martinez, Copen und Abma (2011): Teenagers in the United States: Sexual Activity, Contraceptive Use, and Childbearing, 2006-2010 National Survey of Family Growth. In: National Center for Health Statistics. Vital and Health Statistics, Series 23 October: 31 (gemäß Max Welter und Bruce Rind 2016)
  • Felson et. al. (2019), Reactions of Boys and Girls to Sexual Abuse and to Sexual Encounters with Peers, Journal of Youth and Adolescence, DOI 10.1007/s10964-019-01111-1
  • Constantine, L.L. (1981), The Effects of Early Sexual Experiences. A Review and Synthesis of Research. In: Ders./F.M. Martinson (Hg.), Children and Sex, Boston, 217-244 (gemäß Max Welter und Bruce Rind 2016)
  • Helweg-Larsen: The prevalence of unwanted and unlawful sexual experiences reported by Danish adolescents: Results from a national youth survey in 2002. Acta Pædiatrica, 2006, doi:10.1080/08035250600589033.
  • Lahtinen et al.: Children's disclosures of sexual abuse in a population-based sample. Child Abuse Negl., 2018, doi:10.1016/j.chiabu.2017.10.011.

Kommentare

Quelle: Dtsch Arztebl 2015; 112(6): A-226 / B-194 / C-190

Wir schreiben das Jahr 2015, 28 Jahre nachdem man den Kampf gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern ausgerufen hat, kommt man zu der ernüchternden Bestandsaufnahme:

Die Prävalenzforschung zu sexuellem Missbrauch steht in Deutschland noch am Anfang.

Umstrittene Aufklärung mit Sex-Koffern und Rollenspielen ist gegen den Willen der Eltern möglich, aber eine freiwillige Befragung der Kinder (ohne Zustimmung der Eltern – wie im Ausland) nicht:

Wäre bei dem von Schweden initiierten Prävalenz-Survey nicht auch eine Beteiligung Deutschlands sinnvoll?

Fegert: Deutschland ist angefragt worden, hat sich aber nicht beteiligt, weil der Kultusbereich sich geweigert hat, in Schulen solche Untersuchungen durchführen zu lassen. Ich überlege, was wir jetzt unternehmen können. In Deutschland gab es zwar auch Versuche, Schulbefragungen durchzuführen, doch teilweise mit viel zu jungen Kindern, was natürlich die Eltern auf den Plan gebracht und die Kultusministerien hoch kritisch sensibilisiert hat.

Fürchtet man etwa, dass bei den Befragungen etwas herauskommt, was nicht sein darf? Jedenfalls dann, wenn man „dumm“ fragt, statt im Rahmen der Missbrauchsideologie.

Judith Oelschläger (2020), Sexuell grenzverletzende Erfahrungen in der Kindheit und Jugend, Dissertation, Universität Regensburg

Die Rohdaten der Umfrage sind interessant. Obwohl die Autorin Rind et. al. 1998 kennt, gruppiert sie vorschnell nach Missbrauchsdefinitionen (unangenehme Erlebnisse bzw. solche mit einem Altersunterschied von mehr als fünf Jahren). Sie erkennt zwar, dass Kinder, die „Sexuell grenzverletzende Erfahrungen“ machen, eher aus zerrütteten Familien stammen. Anschließend prüft sie aber nicht, ob psychische Beeinträchtigen sich besser mit den Familienverhältnissen erklären lassen als mit den sexuellen Erlebnissen.

Auch weil Oelschläger 16 Jahre als Altersgrenze ansetzt, taugen ihre Ergebnisse nicht zur Politikberatung in Sachen §176/176a StGB.