Lasst jeden überall Arbeit annehmen

von Bryan Caplan übersetzt aus dem Englischen von Thomas Leske

„Lasst jeden überall Arbeit annehmen!“ Angesichts der derzeitigen Regelung klingt dieses Vorhaben radikal. Doch wohlgemerkt ist nicht die Rede von: „Lasst jeden überall die Staatsbürgerschaft erwerben!“, „Lasst jeden überall Sozialleistungen beziehen“ oder „Lasst jeden überall wählen!“ Das Vorhaben besagt, dass es unabhängig vom Geburtsort rechtens sein sollte, ein Stellenangebot mit Einwilligung des Arbeitgebers anzunehmen. Das Vorhaben ist analog zu: „Lasst jede Frau überall Arbeit annehmen!“, „Lasst jeden Juden überall Arbeit annehmen!“ oder „Lasst jeden Schwarzen überall Arbeit annehmen!“ Bei dem Vorhaben handelt es sich nicht um eine Forderung nach Almosen oder staatlicher Wohlfahrt. Es verlangt von den Staaten der Welt lediglich, nicht länger die Diskriminierung ausländischer Arbeitnehmer vorzuschreiben.

Die meisten Argumente für Einwanderung konzentrieren sich auf gut ausgebildete Arbeiter im Bereich der Spitzentechnik. Ich überlasse dieses Feld meinem Mitstreiter Vivek Wadhwa. Ich will mich auf die breite Masse der Einwanderungswilligen konzentrieren, die nicht gut ausgebildet sind und sich nicht mit Spitzentechnik ausgekennen etwa haitianische Schuhputzer, nigerianische Kellner, mexikanische Gärtner oder Bauern aus Bangladesch.

Wieso um alles in der Welt sollten wir keine Diskriminierung solcher Ausländer vorschreiben? Aus demselben Grund, aus dem wir keine Diskriminierung von Frauen, Juden oder Schwarzen vorschreiben sollten: Es handelt sich um Mitmenschen, die zählen. Angenommen die Staaten der Erde würden Lieschen Müller verbieten, außerhalb von Haiti zu arbeiten. Wären derlei Gesetze moralisch vertretbar?

Vorgeschriebene Diskriminierung von Ausländern ist besonders schlimm, weil die meisten Arbeiter der Erde in der Ersten Welt weitaus mehr verdienen würden als in ihrer Heimat. Ein Umzug von Haiti nach Miami erhöht den Lohn um ungefähr das Zwanzigfache. Also nicht 20 % mehr, sondern 2000 % mehr.

Sie könnten einwenden, dass es nicht unsere Pflicht ist, völlig Fremden zu helfen. Doch bei der Erlaubnis, ein Stellenangebot anzunehmen, handelt es sich nicht um Almosen sondern um einen Funken Anstand. Wenn Katleen eine Stelle bekommt, und ich ihr nicht an ihrem ersten Arbeitstag die Autoreifen aufschlitze, bin ich deswegen kein „Gutmensch“. Ich gründe kein Katleen-Neumann-Hilfswerk. Ich lasse sie bloß in Frieden. Manchmal ist es tragischerweise mit gewaltigen Kosten verbunden, andere in Ruhe zu lassen. Wenn jemand Beulenpest hat, ist Quarantäne das kleinere Übel. Ließe man ihn ziehen, könnte er Millionen anstecken. Würden offene Grenzen unsere Wirtschaft in ähnlicher Weise zu Grunde richten? Nein. Jede wissenschaftliche Schätzung der wirtschaftlichen Folgen offener Grenzen kommt aufgewaltige Vorteile. Der Volkswirt Michael Clemens, einer der führenden Experten auf dem Gebiet, kommt zu dem Schluss, dass ein weltweit freier Arbeitsmarkt die Produktion weltweit verdoppelte.

Wie das!? Stellen sie sich eine Milliarde Bauern vor, die in der Antarktis festsitzen! Was geschähe, wenn wir sie in Gebiete ziehen lassen, in denen ihre Arbeit mehr abwirft? Die Bauern wären offensichtlich besser dran, doch ebenso jeder Lebensmittelkonsument auf der Erde. Ökonomisch gesehen entsprechen Haiti und Bangladesch der Antarktis; es handelt sich um Länder, in denen Arbeiter nur Bruchteile ihres vollen Potentials entwickeln können. Was wäre die beste Stelle, die Sie in Bangladesch kriegen könnten?

Doch würden offene Grenzen nicht amerikanischen Arbeitern schaden? Einigen. Mir zum Beispiel. Ich bin ein hier geborener Hochschullehrer. Dank eines scheunentor-großen Einwanderungsschlupflochs kann nahezu jeder, der einen Doktortitel hat, rechtmäßig mit mir auf dem US-Arbeitsmarkt in Wettbewerb treten. Infolgedessen sind die Hälfte aller Lehrstühle im Forschungsbereich mit Leuten besetzt, die im Ausland geboren wurden. Dies beschneidet mein Gehalt und meine Karrierechancen. Wahrscheinlich hält ein Einwanderer das Büro in Harvard besetzt, das mir zustünde.

Ist meine traurige Geschichte ein guter Grund für Einwanderungsbeschränkungen? Klar! Das heißt Augenblick, nein. Die Einwanderung von Lehrkräften ist schlecht für mich aber gut für die Nachfrager von Bildung. Wenn Sie froh sind, fürs College nicht noch mehr zahlen zu müssen, bedanken Sie sich bei einem Einwanderer! Entsprechendes gilt für jeden Berufszweig. Die Einwanderung von Kellnern ist schlecht für einheimische Kellner aber gut für die Gäste. Die Einwanderung von Gärtnern ist schlecht für einheimische Gärtner aber gut für Hausbesitzer.

Wie können wir die Gesamtwirkung beurteilen? Richten Sie Ihr Augenmerk ganz auf die Produktion! Wenn die weltweite Produktion sich verdoppelt, dann steigt Ihr Lebensstandard höchstwahrscheinlich. Wirtschaftlich stürzen da keine Brotkrumen herab sondern ganze Niagarafälle.

Was ist mit den endlosen Beschwerden über Einwanderung, die nicht wirtschaftlicher Art sind? Dazu gibt es eine Regel: Für jede Beschwerde, die Sie haben, gibt es eine billigere und humanere Abhilfe als die verbindliche Diskriminierung von Ausländern:

Einwanderer missbrauchen den Wohlfahrtsstaat? Lasst sie arbeiten aber keine Ansprüche erwerben!
Einwanderer schaden der Umwelt? Lasst sie arbeiten, aber besteuert die Umweltverschmutzung, die sie verursachen!
Einwanderer wählen die Falschen? Lasst sie arbeiten, aber nicht wählen!
Einwanderer schaden geringqualifizierten Amerikanern? Lasst sie arbeiten, aber verlangt Zugangsgebühren oder Sondersteuern, um damit geringqualifizierte Einheimische zu entschädigen.

Wenn Sie diese Abhilfen für unfair halten, so sind sie doch sicher weniger unfair, als wenn man ehrliche Arbeiter zu Kriminellen stempelt.

Lasst jeden überall Arbeit annehmen! Das ist der richtige Umgang mit unseren Mitmenschen. Er führt zu einer besseren Welt. Und er kostet uns weniger als nichts.

Mit freundlicher Genehmigung von Liberty Fund, Inc. http://www.libertyfund.org, Liberty Fund is a private educational foundation dedicated to increased knowledge of a society of free and responsible individuals.
Zuerst veröffentlicht unter http://www.offene-grenzen.net/2015/05/25/lasst-jeden-ueberall-arbeit-annehmen/
Für diese Übersetzung gilt keine CC-BY-SA-Lizenz.

Kommentare

Aus unerfindlichen Gründen hat der Schweizer Monat den Text später erneut übersetzen lassen von Florian Oegerli: https://schweizermonat.ch/lasst-sie-arbeiten/